Es gehört schon eine gute Portion Mut dazu, einen Streichquartett-Abend mit Beethovens zerklüfteter 'Großer Fuge' zu beginnen und - als Zugabe - mit den beiden Mittelsätzen aus dessen opus 135 zu beenden. Nüchtern und scharf wie mit Röntgenaugen war der Blick des BelceaQuartet zu Beginn im Gautinger Bosco auf die kühne Polyphonie; mit größter Ruhe gespielt, begann der langsame Satz aus Beethovens letztem Quartett, um am Schluss geradezu zu schweben und eine magische Aura des Klangs zu entfalten.

Auch das erste Streichquartett des 1960 geborenen Mark-Anthony Turnage ist, obwohl durchaus konventionell komponiert, eine Herausforderung für Spieler wie Hörer. Jeder der drei 2008 für das Ensemble komponierten Sätze ist eigenständig und prägnant. Mysteriös der tastende Beginn, wenn zwischen immer dichterer Musik sanft auf das Holz der Instrumente geschlagen wird. Schon bald setzen komplexe Rhythmen diesen Kopfsatz im permanenten Espressivo unter Hochspannung. Ganz melodisch gibt sich der zweite Satz, bevor das Finale sich allmählich in einen beängstigenden Furor hineindreht. Unter Verzicht auf ungewöhnliche Spieltechniken blieb Turnages Musik dabei immer hörend nachvollziehbar, wohl auch deshalb, weil das BelceaQuartet jeden Takt für sich und das übergeordnete Ganze plausibel machen konnte.

Weberns Quartettsatz von 1905 spielten Corina Belcea-Fisher, Axel Schacher, Krzysztof Chorzelski und AntioneLederlin mit einer feinen Mischung aus Klarheit und spätromantischem Ausdruck, bevor Mozarts Dissonanzen-Quartett KV 465 noch einmal alle Qualitäten der vier Streicher zusammenfasste: den fast zärtlichen, aber geradezu gläsern wirkenden Zugriff an manchen leisen Stellen und bei aller Zurückhaltung die Balance von struktureller Durchdringung und Ausdruck. Besonders fruchtbar gemacht war das im Andante cantabile und im Menuett-Satz samt seines prägnanten Trios.
Klaus Kalchschimd, Süddeutsche Zeitung, 5 February 2011

 

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